Können Sie es sich leisten, nicht investiert zu sein?

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Seit März 2009 machte der Aktienmarkt nur wenige, kurze Pausen. Selbst die heftige Reaktion auf die Pandemie zu Beginn des letzten Jahres wurde sehr schnell wieder aufgeholt. Seit Dezember 2014 herrscht in der Schweiz nicht nur ein Tiefzinsumfeld, sondern ein Negativzinsumfeld. Die Aktien sind gefühlt sehr teuer und bei Obligationen scheint ein Verlust vorprogrammiert. Als Investor stellt man sich die Frage, ob es angesichts dieser Rahmenbedingungen überhaupt noch sinnvoll ist, in Aktien und Anleihen zu investieren. Diese Frage ist legitim und in den folgenden Abschnitten wollen wir sie beantworten. Eine weitere Fragestellung sollte jedoch nicht ausser Acht gelassen werden: Kann ich es mir langfristig leisten, nicht investiert zu sein?

Opportunitätskosten

Die Suche nach der Antwort auf diese Frage führt sehr schnell zu den Opportunitätskosten. Wird das langfristig verfügbare Vermögen als Liquidität gehalten, muss nicht nur mit einer negativen Verzinsung von 0.75% gerechnet werden, sondern man verpasst auch die langfristigen Chancen an den Finanzmärkten. Bis zum Ende des dritten Quartals des laufenden Kalenderjahres stieg der Schweizer SPI-Index etwa 12%, was einerseits die Dynamik der aktuellen Kursrallye zeigt, andererseits für all diejenigen ein entgangener Gewinn ist, die auf der Seitenlinie auf ihre Einstiegschance warten. Sicherlich muss man diesen starken Anstieg in den Kontext der aktuell aussergewöhnlichen monetären Rahmenbedingungen setzen. Dennoch zeigt es klar, dass langfristig Potenzial vergeben wird, wenn man nicht investiert ist. Ab dem Jahr 2000 bis heute hatten die Finanzmärkte mit dem Platzen der Dot-Com-Blase und den Schockwellen der Finanzkrise 2008 zwei ausgeprägte Baissen zu verzeichnen. Einzelne Jahre brachten für Anleger herbe Verluste. Dennoch konnte der SPI in dieser gesamten Zeit durchschnittlich einen Zuwachs von mehr als 5% pro Jahr generieren.

Anlagehorizont entscheidend

Das Beispiel zeigt, dass der Anlagehorizont für die Investitionen ein sehr wesentlicher Faktor ist und eine zentrale Komponente bei der Entscheidungsfindung darstellt, ob man nun investieren soll oder nicht. Eine Aktieninvestition Anfang 2008 mit einem Anlagehorizont von einem Jahr dient mit den dann eingefahrenen Verlusten als Negativbeispiel. Wird der Anlagehorizont jedoch länger, ergibt es immer mehr Sinn, zu investieren. Der Einstiegszeitpunkt rückt immer mehr in den Hintergrund, denn auf lange Frist wird es weniger relevant, ob man 10% höher oder tiefer eingestiegen ist. Wichtig ist, dass die langfristig erzielbaren Renditeerwartungen erreicht werden können. Das funktioniert nicht, wenn man das «Pulver trockenhält» und das Vermögen in Liquidität parkt.

Portfoliokontext

Doch oftmals lässt es das individuelle Risikoprofil nicht zu, vollständig in Aktien investiert zu sein. Sollten Obligationen aufgrund der negativen Verfallrendite dann per se von den Investitionsüberlegungen ausgeschlossen sein? Eine einzelne Obligation mit negativer Verzinsung zu kaufen und bis zur Rückzahlung liegen zu lassen, bringt dem Investor einen garantierten Kapitalverlust. Das kann also nicht das Ziel sein. Werden jedoch Obligationen unterschiedlicher Laufzeiten zu einem Aktienportfolio hinzugemischt und dann aktiv verwaltet, zeigen sich die nach wie vor positiven Aspekte von Obligationen im Portfoliokontext. So kann die Zusammenstellung von Aktien- und Obligationenanteil individuell auf das jeweilige Risikoprofil optimiert werden. Diese lässt das Gesamtportfolio weniger schwanken, in turbulenten Märkten weniger tief fallen und sich von Schocks deutlich schneller erholen.

Darüber hinaus lässt sich auch im negativen Zinsumfeld durch die aktive Verwaltung der Anleihen ein absolut positiver Renditebeitrag realisieren. Diese Möglichkeit ergibt sich auch durch den sog. Roll-Down-Effekt. Dieser beschreibt die Kursentwicklung von Anleihen während der Laufzeit. Der Preis einer Anleihe sinkt während der Laufzeit nicht linear auf den Rückzahlungskurs von 100%, sondern steigt zum Teil nach Ablauf einer gewissen Zeitspanne und in Abhängigkeit des Zinsumfeldes zuerst an. Als aktiver Verwalter kann man diesen Umstand nutzen, mit Kursgewinn zu verkaufen und eine andere Anleihe zu kaufen.

Also doch investieren?

Wer langfristig Vermögen nicht investiert, muss sich also der hohen Opportunitätskosten bewusst sein. Bei einer auf Langfristigkeit ausgelegten Anlagestrategie kann durch die Mischung unterschiedlicher Anlageklassen wie Aktien, Obligationen und alternative Anlagen das eigene Risikoprofil im Portfolio abgebildet werden. Werden die Erkenntnisse nun mit einem systematisch nachhaltigen Anlagekonzept umgesetzt, steht einer Investition nichts mehr im Wege. Wer sich noch immer nicht durchringen kann, auf den aktuellen Bewertungen von Finanzanlagen einen Startpunkt festzulegen, dem ist ein gestaffelter Einstieg in seine Strategie zu empfehlen. Damit ist dann auch noch sichergestellt: Die Investition hat nicht zum absoluten Hochpunkt stattgefunden, sondern es ergibt sich ein durchschnittliches Einstandsniveau, das garantiert unter den Höchstständen liegt.

Immer mit Beratung           

All die genannten Gründe für eine Investition haben für den individuellen Anleger unterschiedliches Gewicht. Es macht Sinn, langfristig gemäss seinem Risikoprofil in nachhaltige Anlagen investiert zu sein und seiner Anlagestrategie treu zu bleiben. Dennoch sollte der gesamte Prozess von einer breit abgestützten Anlageberatung begleitet werden. Ein gut ausgebildeter Berater kann die individuellen Bedürfnisse aufnehmen, einordnen und bei Bedarf Anpassungen vornehmen. Denn es nutzt nichts, wenn ein Anleger alle guten Ratschläge befolgt, nachts aber um seinen Schlaf gebracht wird.

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Björn Weigelt
Investment Specialist bei BLKB
Björn Weigelt ist Investment Specialist bei der BLKB. Er unterstützt die Kundenberatenden in allen Themen rund um die Finanzmärkte und bei Fragen zu den BLKB Anlagelösungen.

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