Vorsorge jetzt neu denken oder immer tiefere Renten in Kauf nehmen

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Unser Vorsorgesystem, das auf den drei Säulen AHV, Pensionskasse und privater Vorsorge basiert, ist seit Längerem in Schieflage geraten. Gründe dafür sind die demografische Entwicklung und das Zinsumfeld. Langfristige Folgen von Corona könnten die Situation weiter negativ beeinflussen. Die ursprüngliche Idee, dass die ersten beiden Säulen den gewohnten Lebensstandard auch im Alter sichern, gilt nicht mehr. Im Gegenteil: Die Renten werden immer weniger. Die gesamte Rente aus AHV und Pensionskasse liegt heute um rund 20 Prozent tiefer als vor zwanzig Jahren: Ging damals eine 65-jährige Person mit einem Bruttolohn von 120’000 Franken in Rente, ergab das jährlich einen Betrag aus AHV und Pensionskasse von ungefähr 75’000 Franken; heute sind es rund 60’000 Franken[1]. Es gibt verschiedene Hebel, bei denen wir ansetzen müssen, wenn wir die Vorsorge auch gegenüber den nachfolgenden Generationen fair gestalten wollen.

Unbeliebte politische Entscheide unumgänglich

Es findet heute eine riesige und zunehmende Umverteilung von Jung zu Alt statt: Pensionierte beziehen mehr, als sie eingezahlt haben. Die jungen Generationen werden immer mehr damit belastet, für die Lücken aufzukommen. In der AHV ist das Problem schon länger erkannt und wird auch in der zweiten Säule immer grösser: Aufgrund des zu hohen Umwandlungssatzes finanzieren die Arbeitnehmenden die Renten der Pensionierten mit. Gleichzeitig nimmt die Anzahl Erwerbstätiger ab, im Gegensatz zur Anzahl der Rentenbeziehenden. Kamen 1948, dem Jahr der Gründung der AHV, noch 6,4 Beitragszahlende auf einen Beitragsempfangenden, so waren es im 2010 nur noch zirka 3,5. In zehn Jahren werden es voraussichtlich lediglich 2,33 sein[2].Hinzu kommt: Die Lebenserwartung und damit die Rentenbezugszeit steigen ständig. Dieser Aspekt wird sich weiter verschärfen: Die Babyboomer-Jahrgänge werden in den nächsten Jahren pensioniert. Im Jahr 2023 werden mehr Personen aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wie neu starten. Ein weiteres Problem sind die Negativzinsen, welche den Pensionskassen belastet werden und die Rendite schmälern. Vor diesem Hintergrund wird der private Vermögensaufbau immer wichtiger. Um diese Spirale an Problemen zu durchbrechen, sind unbeliebte politische Entscheide unumgänglich.

Anhebung des Rentenalters

Mit der zuletzt angenommenen STAF-Reform[3] reicht die AHV für die nächsten zehn Jahre. Spätestens dann ist der AHV-Fonds leer und kippt immer steiler ins Minus. Das aktuell in Diskussion stehende Paket «AHV 21» kann diese Entwicklung verzögern, aber nicht umkehren. Wollen wir die AHV längerfristig und damit auch fair gegenüber den nachkommenden Generationen sanieren, müssen wir das Rentenalter grundsätzlich anheben. Dies haben schon zahlreiche OECD-Länder vor uns getan.

Senkung des Umwandlungssatzes

Auch bei der zweiten Säule sind einschneidende Massnahmen unvermeidbar. Am dringlichsten ist eine deutliche Senkung des Umwandlungssatzes. Während die Lebenserwartung für eine 65-jährige Person seit 1985 um rund 40% gestiegen ist, ist der Umwandlungssatz im obligatorischen Teil nur unwesentlich von 7,2% auf 6,8% gesunken. Der rechnerisch korrekte Umwandlungssatz wäre angesichts dieser Entwicklungen und unter Berücksichtigung des aktuellen Zinsumfeldes bei maximal 5%.

Neue Ansätze erfordern Gesetzesänderungen

Wenn die erste und zweite Säule bröckeln, wird die dritte umso wichtiger. Auch hier sind eine Flexibilisierung und damit verbundene gesetzliche Anpassungen unausweichlich. Arbeitsmodelle und Lebensformen werden im Vergleich zu früher individueller. Junge Erwerbstätige wechseln öfter den Arbeitsplatz, arbeiten Teilzeit, machen einen Unterbruch für eine Ausbildung oder mehr Familienzeit. Nachzahlungen in die Säule 3a sollen rasch möglich und von den Steuern abziehbar sein. Diese Option wird zur Zeit in der Politik diskutiert[4]. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung, geht aber zu wenig weit. Ebenfalls sollen höhere Einzahlungsbeträge erlaubt und steuerlich abzugsfähig sein. Schliesslich sollen auch Nichterwerbstätige in die dritte Säule einzahlen können.

Spare in der Zeit, so hast du in der Not

Unsere Kundenberatenden treffen selten eine Kundin oder einen Kunden über 50 Jahren an, die noch keine Säule 3a haben. Hingegen nutzt die jüngere Generation diese Möglichkeit zu wenig. Das aktuelle Raiffeisen-Vorsorgebarometer[5] zeigt bei jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren Wissensdefizite beim Thema Vorsorge auf. Gleichzeitig ist im Jugendbarometer 2020[6] der Credit Suisse die Altersvorsorge die grösste Sorge von Schweizer Jugendlichen. Hier stehen wir als Bank in der Pflicht, Aufklärungsarbeit zu leisten und Vertrauen zu schaffen. In jedem Kundengespräch muss Vorsorge ein Thema sein, unabhängig vom Alter. Gerade in ganz jungen Jahren kann ohne grossen Verzicht ein Teil der Altersvorsorge aufgebaut werden. Wer früh mit Sparen anfängt, wird diese Gewohnheit in der Regel beibehalten. Hinzu kommt der Zinseszinseffekt (siehe Grafik)[7]. Eine frühzeitige Planung und eigenverantwortliche Umsetzung sind somit zwingend notwendig.

Fridays for Future – auch bei der Vorsorge?

Damit sich die Situation beim Thema Vorsorge entschärft, wird gerade von der jungen Generation (zu) viel verlangt: Fachwissen, politische Sensibilisierung, Eigenverantwortung beim Ansparen des Alterskapitals und vor allem das Stopfen riesiger finanzieller Löcher, für die sie keine Schuld trifft. Gleichzeitig wurden die letzten AHV-Initiativen vom Stimmvolk abgelehnt, und die Besitzstandwahrung bleibt politisch und rechtlich unangetastet. Fairness zwischen den Generationen sieht anders aus. Doch genau das braucht es: faire Lösungen. Das heisst für mich Nachhaltigkeit. Die junge Generation geht für das Klima auf die Strasse. Ihre Forderungen werden nun auch in breiten Kreisen der Politik ernstgenommen. Vorsorge ist genauso ein Aspekt der Nachhaltigkeit wie das Klima: Es geht um eine nachhaltige Finanzierung und Sicherung der Vorsorge auch in Zukunft. Braucht es neben den Klima-Streiks auch Vorsorge- oder Rentenstreiks? Vorsorge ist die Top-Sorge der Jugendlichen. Sie sollte endlich das Top-Thema auf der politischen Traktandenliste werden.

[1] https://www.vermoegenszentrum.ch/news/newsletter/2020/vorsorge/vorsorge-newsletter-18-20.html#overlay-img-99e66eb0-98fa-4666-9d60-a77422cd8b8e

[2] https://www.vimentis.ch/d/publikation/201/Die+Zukunft+der+AHV.html

[3] Steuerreform- und AHV-Finanzierung

[4] https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20193702

[5] https://www.raiffeisen.ch/liestal-oberbaselbiet/de/privatkunden/vorsorge-versicherung/schweizer-vorsorgesystem/vorsorgebarometer.html

[6] https://www.gfsbern.ch/wp-content/uploads/2020/09/203116_cs_jugendbarometer_2020_gelayoutet.pdf

[7] Siehe Grafik

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John Häfelfinger on Linkedin
John Häfelfinger
John Häfelfinger ist CEO der BLKB und diskutiert monatlich zusammen mit einem Gast in seinem Podcast «Was morgen für mich zählt» über Themen, die für ihn auch morgen noch relevant sind.

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