Die zweite Welle rollt

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Was wir alle zu verhindern versucht haben, ist schliesslich doch eingetreten. Die zweite Infektionswelle der COVID-19-Pandemie rollt und trifft uns mit voller Wucht. Damit erfüllt sich eine sehr weit verbreitete Prognose: der Anstieg der Infektionszahlen mit Einbruch des Herbsts. Aus ökonomischer Sicht ist momentan daher die Frage nach dem Danach zentral: Wie werden wir mit dieser zweiten Welle umgehen? Die Reaktion der Finanzmärkte wird massgeblich von der Antwort auf diese Frage abhängig sein. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht diesbezüglich Europa, wo sich die Fallzahlen im Sommer deutlich verbessert hatten, die Ansteckungskurven nun aber wieder besorgniserregend stark nach oben zeigen.

Wirtschaftliche Erholung gefährdet

Diverse Länder haben als Reaktion auf die steigenden Fallzahlen in den letzten Tagen neue Einschränkungen eingeführt: Sperrstunden, Barschliessungen und Mini-Lockdowns wurden ausgerufen. Auch in der Schweiz wurden die Massnahmen weiter verschärft, einzelne Kantone gehen sogar über die Vorgaben des Bundes hinaus. Die bisher getroffenen Einschränkungen haben oft negative Effekte auf die Bewegungsfreiheit der Menschen und das öffentliche Leben, fallen jedoch im Vergleich zur ersten Welle, in deren Verlauf ganze Volkswirtschaften für Wochen dichtgemacht wurden, massvoller aus. Das Credo ist eindeutig: Die Massnahmen sollen eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus verhindern, ohne dabei die gesamte Wirtschaft lahmzulegen. Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass auch die jetzt getroffenen Einschränkungen ihre Spuren in der Wirtschaftsleistung hinterlassen werden. Damit dürften die Hoffnungen auf eine schnelle, v-förmige Erholung der globalen Konjunktur, wie sie vom Markt vorausgesagt wurde, schwinden. Vielmehr bahnt sich ein weiteres Abflachen der konjunkturellen Dynamik an.

Finanzmärkte mit erhöhten Schwankungen

Basierend auf der Prämisse einer weiteren Verlangsamung der konjunkturellen Dynamik lohnt sich auch ein Blick auf die Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Während insbesondere der Aktienmarkt in der ersten Phase der Neuansteckungen noch ausgesprochen ruhig geblieben ist, haben die Kursschwankungen in den vergangenen Tagen wieder deutlich zugenommen. Die Bewertungen sind im Nachgang der ersten Welle, getragen von der schneller als erwarteten konjunkturellen Erholung, den beherzten Notenbankinterventionen und dem historisch tiefen Zinsumfeld, überraschend schnell über die Vorkrisenniveaus angestiegen. Seit Mitte Jahr werden auch die Gewinnerwartungen der Unternehmen wieder nach oben korrigiert. Mit dem Anrollen der zweiten Welle ist die Nervosität der Investoren jedoch wieder merklich gestiegen. Einen weiteren gewichtigen Unsicherheitsfaktor stellt seit Wochen die geopolitische Lage dar, die aufgrund der grossen Bandbreite an Themen mit den US-Wahlen, dem schwelenden Handelskonflikt und den harzigen Brexit-Verhandlungen nach wie vor fragil bleibt. Dem stehen jedoch insbesondere das zementierte Tiefzinsumfeld und die Notenbankgeldflut in bisher nie dagewesenen Dimensionen entgegen. Die globalen Notenbanken haben ein Umfeld geschaffen, in dem ein Anheben der Leitzinsen unter den aktuellen Gegebenheiten äusserst unwahrscheinlich ist. Entsprechend bleibt der Aktienmarkt für die meisten Anleger unumgänglich, denn die Alternativen fehlen. Im festverzinslichen Bereich, insbesondere in Schweizer Franken, winken auf Jahre hinaus magere bis negative Renditen. Investitionsgelegenheiten bieten sich allenfalls im Bereich der Unternehmensanleihen, die aber im Vergleich zu Staatsanleihen ein erhöhtes Risiko aufweisen. Für positives Aktiensentiment könnte auch die Entwicklung von Impfstoffen sorgen. Weltweit wird mit Hochdruck an einem Impfstoff gearbeitet. Dieser wird zwar nicht von heute auf morgen die Probleme im Zusammenhang mit COVID-19 lösen, dürfte aber in der mittleren Frist dafür sorgen, dass das Virus unter Kontrolle gebracht werden kann. Dies bringt erhöhte Planungssicherheit, etwas, das insbesondere die Aktienmärkte sehr schätzen.

Der Strategie treu bleiben

Unter Einbezug aller erwähnten Faktoren liegt der Schluss nahe, dass uns eine Phase mit erhöhten Schwankungen an den globalen Finanzmärkten bevorsteht. Ist es nun also an der Zeit, alle risikobehafteten Anlagen im Depot zu liquidieren und sich in die Liquidität zurückzuziehen? Wir sagen nein. Vielmehr dürfte es sich lohnen, sich auf die Grundlagen der gewählten Anlagestrategie zurückzubesinnen. Ist diese solide ausgearbeitet und widerspiegelt die Bedürfnisse des Anlegers, so deckt sie auch volatilere Marktphasen ab. Innerhalb der gewählten strategischen Bandbreiten bietet sich in diesem Umfeld aus unserer Sicht eine risikoneutrale Positionierung mit Fokus auf Qualitätsunternehmen und einen defensiven Branchenmix an. Damit sollte ein Teil der Schwankungen abgefangen und das Portfolio auch durch unsichere Zeiten manövriert werden. Zudem bieten volatile Marktphasen meistens auch Chancen, nach denen es sich Ausschau zu halten lohnt.

Vorstehende Angaben eignen sich zu Informationszwecken und ersetzen nicht die Beratung, einen Anlagevorschlag oder eine Empfehlung der BLKB.

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Fabienne Erni, CIO
CIO bei BLKB
Fabienne Erni verantwortet als Chief Investment Officer die nachhaltige Vermögensverwaltung. Sie spezialisiert sich auf langfristige Anlagethemen mit Schwerpunkten im Bereich ESG und treibt die Integration von ESG-Kriterien im Anlageprozess voran.

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