Wettlauf gegen die Zeit

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Versteckt hinter einer Schutzmaske, hält die Welt den Atem an. Die steigenden COVID-19-Ansteckungskurven signalisieren erneut eine alarmierende Entwicklung und haben das Schreckgespenst «Lockdown» wieder hervorgerufen. Politiker und Experten sind sich diesbezüglich einig: Der schnellste Weg zurück zur Normalität ist ein Impfstoff. Rund um den Globus arbeiten Hunderte Forscherteams bereits seit Monaten daran und beinahe täglich machen Meldungen über neue vielversprechende Studien die Runde. Ein Impfstoff muss zwei elementare Voraussetzungen erfüllen: Er muss sicher und wirksam sein. Erst wenn beide Voraussetzungen durch Studien bestätigt werden, darf eine Zulassung erfolgen. Rund 180 Corona-Impfstoffe werden derzeit laut der Weltgesundheitsorganisation WHO global getestet. Nur eine Handvoll davon sind auch vielversprechend und befinden sich in der Phase-III-Studie, der letzten Stufe vor der allgemeinen Zulassung und somit auf der Zielgeraden.

Gibt es bereits vor den US-Wahlen einen Impfstoff?

Der Ausgang des Rennens hat auch eine politische Brisanz. Der Gewinner entscheidet darüber, welche Länder zuerst beliefert werden können und somit früher einen Corona-Schutz erhalten als andere. US-Präsident Donald Trump verspricht fast täglich, dass es bis Jahresende oder möglicherweise schon bis zur bevorstehenden US-Wahl einen Impfstoff geben werde. Dennoch sieht sich Russland längst ganz oben auf dem Siegertreppchen. Schon am 11. August hat Moskau bereits vor dem Resultat der entscheidenden Phase-III-Studie einen Impfstoff zugelassen. Dieser soll laut eigenen Angaben ab dem 1. Januar 2021 in Umlauf gebracht werden. Die Zulassung von «Sputnik V» wird jedoch von westlichen Wissenschaftlern scharf kritisiert und die Wirksamkeit des Impfstoffs angezweifelt. Präsident Putin hat jüngst ein zweites Mittel in Aussicht gestellt, welches in den nächsten Wochen an Tausenden Freiwilligen getestet werden soll.

Welches Unternehmen macht das Rennen?

Vielversprechend sind hingegen potenzielle Impfstoffe von einigen Biotech- und Pharmaunternehmen. Drei Kandidaten befinden sich aktuell in der finalen Phase. In Führung liegt das Mainzer Biotechunternehmen BioNTech mit seinem US-Partner Pfizer. Nur noch drei Hürden muss dieser Impfstoff überwinden, um die Zulassung zu erhalten: Der Impfstoff muss grünes Licht von den Behörden erhalten, ausreichend produziert und effizient verteilt werden können. Dies könnte innerhalb von wenigen Wochen gelingen. Bei erfolgreichen Resultaten wollen BioNTech und Pfizer noch im Oktober die Zulassung ihres Impfstoffs beantragen. Die Produktion hat BioNTech daher bereits begonnen und neben den USA haben sich auch die EU und Deutschland Millionen Impfdosen gesichert. Ebenfalls erfolgsversprechend ist der Impfstoffkandidat vom US- Biotechunternehmen Moderna. Das Unternehmen hat bereits im März mit klinischen Tests begonnen und befindet sich ebenfalls in der entscheidenden Phase. Die Auswertung der Daten dauert aber länger als gedacht und im Idealfall könnte Moderna erst am Ende des 4.Quartals dieses Jahres die Zulassung beantragen. Moderna liegt also im Schlusssprint leicht hinter BioNTech. Einen Rückschlag mussten jüngst AstraZeneca und die University of Oxford mit ihrem Impfstoffkandidaten hinnehmen. Aufgrund von Sicherheitsbedenken musste die klinische Studie vorsorglich unterbrochen werden. Die Bedenken konnten aber rasch widerlegt und die Testreihe wieder aufgenommen werden. Trotz der Unterbrechung könnte AstraZeneca laut eigenen Angaben noch in diesem Jahr oder Anfang 2021 ihren Impfstoff der breiten Bevölkerung zur Verfügung stellen.

Hoffnung auf Erholung

Dem Sieger dieses Rennens winken Umsätze in Milliardenhöhe. Eine Dosis Impfstoff kostet bis 20 US-Dollar und Analysten kalkulieren mit Umsätzen in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar alleine für die erste Impfwelle. Längerfristig dürfte vieles davon abhängen, wie dauerhaft die Immunisierung des Impfstoffs ist oder ob mehrfache Impfungen notwendig sind. Somit könnten auch Hersteller partizipieren, die nicht in der ersten Impfwelle dabei waren. Doch nicht nur die Biotech- und Pharmaunternehmen können profitieren. Ein Impfstoff würde die Hoffnung nach einer schnellen wirtschaftlichen Erholung stärken und somit den gesamten Aktienmarkt zumindest kurzfristig beflügeln. Vor allem Branchen, welche aufgrund der Mobilitätseinschränkungen stark gelitten haben und deren Kurse in der Erholung der Aktienmärkte zurückgeblieben sind, dürften sich daran besonders stark erfreuen. Kandidaten wären beispielsweile die Hotellerie, der Tourismus und die Reisebranche.

Global betrachtet, spielt der Sieger des Impfstoff-Rennens eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für die Erholung der Volkswirtschaften und deren Aktienmärkten ist nicht, wer den Impfstoff liefert, sondern wann dieser bereitsteht. Der Winter könnte ohne eine Corona-Impfung mit Blick auf die steigenden Fallzahlen ungemütlich werden. Bei erneuten starken Mobilitätsbeschränkungen würde wohl vielen Volkswirtschaften die Puste ausgehen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, nicht gegeneinander.

Vorstehende Angaben eignen sich zu Informationszwecken und ersetzen nicht die Beratung, einen Anlagevorschlag oder eine Empfehlung der BLKB.

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Marco Pegoraro
Marco Pegoraro ist Junior Analyst im Investment Center der BLKB. Er ist zuständig für die Finanzanalyse unter Einbezug von Nachhaltigkeitskriterien, das heisst die Beurteilung von Umwelt, Sozial- und Governancekriterien und die Erarbeitung von entsprechenden Anlagelösungen.

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