Blaue Ecke oder rote Ecke

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«Let’s get ready to rumble!», ganz so körperlich wie bei den vom «Ring Announcer» Michael Buffer mit seinem bekannten Schlachtruf eingeleiteten Boxkämpfen dürfte es bei den kommenden US-Präsidentschaftswahlen nicht zugehen. Unbestritten ist allerdings, dass je nach Wahlausgang sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftspolitisch unterschiedliche Weichen gestellt werden. Grund genug, sich mit den beiden Spitzenkandidaten und deren Stossrichtungen auseinanderzusetzen.

Zweite Amtszeit für Donald Trump?

Der aktuelle Amtsinhaber und 45. Präsident der USA, Donald Trump, hat während seiner ersten Amtszeit neue Wege beschritten und für einiges Aufsehen gesorgt. So hat er beispielsweise Twitter als legitimen präsidialen Kommunikationskanal verankert – und äusserst rege genutzt. Das Motto: «America First». Die Bedeutung dieses Slogans für die Welt wurde spätestens dann klar, als er sich unter anderem in einem handfesten Handelskonflikt mit China manifestierte. Trump sieht seine Arbeit aber nach der ersten Amtszeit noch nicht als erledigt an und wirbt daher bereits kurz nach Amtsantritt für seine Wiederwahl. Sein grösster Kontrahent in der traditionell am Dienstag nach dem ersten Montag im November abgehaltenen Wahl ist der Demokrat Joe Biden. Dieser steht in vielen Bereichen für andere Schwerpunkte als Trump. Für Investoren stellt sich nun die Frage, wie die Finanzmärkte auf die Wahl des jeweiligen Kandidaten reagieren. Eines der zentralen Elemente dieser Analyse dürften die wirtschaftspolitischen Stossrichtungen darstellen.

Unterschiedliche Herangehensweisen

Joe Bidens Agenda, die notabene vor der COVID-19-Pandemie zusammengestellt wurde, beinhaltet höhere Unternehmenssteuern, die Erhöhung des Mindestlohns, höhere Ausgaben für Infrastruktur und Bildung und nicht zuletzt tiefere Zölle. Auf Unternehmensebene bedeutet dies vorderhand tiefere Gewinnmargen durch höhere Steuern und höhere Lohnkosten. Auf der Habenseite stehen erhebliche Erleichterungen durch reduzierte Importzölle und staatliche Aufträge an Unternehmen. Ein Faktor, der nicht explizit im Programm erwähnt ist, könnte für das Wirtschaftswachstum und damit auch für die Aktienkurse zentral werden: ein fairer Umgang mit den wichtigsten Handelspartnern und damit eine gewisse Berechenbarkeit des wirtschaftlichen Rahmens. Unternehmen sind eher gewillt zu investieren, wenn die Geschäftsplanung nicht mit einem Tweet des Präsidenten zunichtegemacht werden kann. Der von den Republikanern alternativlos gestützte Amtsinhaber plant, seinen eingeschlagenen Weg weiterzuführen. Das bedeutet konkret: weitere Steuererleichterungen für Unternehmen und hohe Einkommensklassen sowie die Fortführung und den Ausbau der bereits angestossenen Stützungs- und Infrastrukturprogramme. Das klingt aus Sicht der Unternehmen vordergründig ausschliesslich positiv. Dennoch gehen mit vier weiteren Jahren Trump auch weitere Jahre von eskalierenden Handelsbeziehungen und die fast schon legendäre Unberechenbarkeit seiner Entscheidungen einher. Somit sehen wir beide Wahlprogramme als wirtschaftsfreundlich an, wenngleich sie in unterschiedlichen Bereichen ansetzen. Ob rote oder blaue Ecke – die Aktienmärkte sollten den Wahlausgang mit kurzfristig erhöhter Volatilität schnell verdauen.

Prognosen sehen Biden im Vorteil

Eine weitere Amtsperiode scheint für den 74-jährigen Donald Trump momentan als unwahrscheinlich und das obwohl historisch betrachtet Amtsinhaber im Vorteil sind. Nur 10 der 44 bisherigen Präsidenten wurden abgewählt. Trotzdem spricht nicht viel für den aktuellen Präsidenten. Ein solides Wirtschaftswachstum hat in der Vergangenheit die Wiederwahl unterstützt. Demnach hat auch die Corona-Krise Trump keinen Dienst erwiesen. Während die US-Wirtschaft und der Arbeitsmarkt vor der Krise noch in gutem Zustand waren, hat die Pandemie die grösste Volkswirtschaft der Welt in die tiefste Rezession der Nachkriegszeit gestürzt. So haben sich die ohnehin schon schwachen Umfragewerte von Trump mit dem Verlauf der Pandemie noch verschlechtert. Prognosen, Umfragen und Wahlexperten senden aktuell die gleichen Signale und sehen Joe Biden klar im Vorteil. Abschreiben sollte man Präsident Trump deshalb aber noch nicht -auch Hillary Clinton hatte bis zum Wahltag in allen Umfragen vor ihm gelegen.

Vorstehende Angaben eignen sich zu Informationszwecken und ersetzen nicht die Beratung, einen Anlagevorschlag oder eine Empfehlung der BLKB.

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Cyrill Marugg
Analyst bei BLKB
Cyrill Marugg ist Analyst im Investment Center der BLKB. Er ist zuständig für die Finanzanalyse unter Einbezug von Nachhaltigkeitskriterien, das heisst die Beurteilung von Umwelt, Sozial- und Governancekriterien und die Erarbeitung von entsprechenden Anlagelösungen.

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